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Geschwächter Wettbewerb – die dunkle Seite der OER?

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Einige persönliche Gedanken zu einer Entwicklung, die womöglich zu einseitig gesehen wird

David Klett

Die Sonnenseite der OER liegt auf der Hand: OER machen das Lehrerleben leichter. Frei von urheberrechtlichen Restriktionen können Lehrerinnen und Lehrer sie nach Belieben an ihre Bedürfnisse und Anforderungen anpassen und das Resultat im Kollegium weitergeben. Dazu sind die Unterrichtsmaterialien unter freier Lizenz meist kostenlos zugänglich, häufig mit viel Liebe zum Detail entwickelt, in der Praxis erprobt und damit ein echter Gewinn für Lehrende und Lernende. OER sind fester Bestandteil der Bildungswelt und aus allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen nicht wegzudenken. Angebote wie 4Teachers, ZUM, der Lehrerfreund oder Schulportal.de bieten OER (im weitesten Sinne). So auch viele staatliche Bildungsserver. Man muss sagen: OER sind ein gewichtiger Teil einer großen Vielfalt an Angeboten, aus denen Lehrer wählen können – mit Gewinn für alle.

Doch womöglich können OER ein Bildungssystem nicht nur reicher, sondern auch ärmer machen. Das ist in Deutschland bislang bestimmt nicht der Fall. Und dabei wird es vermutlich bleiben, wenn zwei Dinge in der Breite gelten:

  1. Die einzelne Lehrkraft oder die Fachkonferenz entscheiden, welche Bildungsmedien im Unterricht eingesetzt werden.
  2. Diese Entscheidung bringt spürbare Konsequenzen für denjenigen, der Bildungsmedien anbietet.

Sich über die Qualität von OER zu beklagen, hat nicht immer Konsequenzen. Man kann froh sein, dass sich jemand die Mühe gemacht hat, sie zu erstellen oder jemand für die Entwicklung bezahlt hat. Und welche Konsequenz hätte die Klage schon? Man kann kritische E-Mails schreiben, Fehler und mangelnde Sorgfalt monieren. Und das wird dem Ersteller von OER auch treffen, wenn er sich diese Kritik zu Herzen nimmt. Was aber in jedem Fall weh tut, ist ein Kunde, der nicht mehr kauft. Es wird existenziell, wenn die Lehrerkonferenz einen Vertreter nicht mehr einlädt, weil mit seinen Lehrwerken nicht mehr zu arbeiten ist. Das Gleiche gilt für die vielen Anbieter von Lehrerfachinformation, die in der Mehrzahl vom Lehrer privat erworben wird: Wer mit seinen digitalen Angeboten, Fachzeitschriften, Loseblattwerken, Kopiervorlagen, Fachbüchern einer Lehrerin nicht dabei hilft, einen besseren Unterricht zu machen, wird sie als Kundin und Fürsprecherin in der Lehrerkonferenz verlieren. Das ohnehin chronisch knappe Lehrmittelbudget wird für anderes verplant und das private Budget für Fachinformation anderweitig eingesetzt. Man muss kein Freund ultraliberaler Marktordnungen sein, um einzusehen, dass so was motiviert. Wettbewerb bedeutet eben nicht nur Kampf zwischen Wettbewerbern, sondern auch Wettbewerb um die Gunst eines Kunden, der sich für das passendere, günstigere, aufregendere Angebot entscheidet.

Es wird allenthalben gefordert, die Politik möge keine oder weniger Mittel für Bildungsmedien der Verlage ausgeben und diese dafür selbst entwickeln lassen und unter freier Lizenz veröffentlichen. Genau genommen geschieht das schon an ver-schiedenen Stellen, nicht nur in den USA und dem Bundesstaat Kalifornien. Doch wo das geschieht, zählt nicht mehr die partikulare Meinung, zählen nicht mehr die konkreten Anforderungen der einzelnen Lehrerin/des einzelnen Lehrers. Über Er-folg und Misserfolg wird an anderer Stelle entschieden, nämlich wo Entwicklungsbudgets ausgeschrieben, wo Zuschläge erteilt und für Bewerber (die natürlich auch Verlage sein können) freigegeben werden. Zweifellos kann dabei Exzellentes he-rauskommen. Doch wenn nicht, dann trägt das Risiko der Finanzier – ganz gleich ob er davon überhaupt erfährt oder nicht. Oder anders: Nachlassen würde die Spannung, unter der Anbieter von Bildungsmedien stehen, einerseits kostenbe-wusst zu sein, weil Kunden hier auf den Preis mehr achten als vermutlich nirgendwo sonst, und andererseits Qualität an eine Fachzielgruppe zu liefern, die anspruchsvoller als kaum eine andere ist. Wenn sie heute Bildungsmedien am Markt vorbei entwickeln, bekommen sie das unweigerlich zu spüren. Bis zum totalen Misserfolg und der wirtschaftlichen Krise. Dabei hilft auch die beste Qualität kaum, wenn der Preis nicht stimmt. Diesen oft schwer auszuhaltenden Druck kann man spüren, wenn man auf der didacta beobachtet, wie sehr sich die Anbieter um ihre Kunden bemühen. Und von diesem Druck, so meine ich, profitieren Lehrerinnen und Lehrer und am Ende auch Staat und Gesellschaft.

Man könnte wetten, ob der Staat mit einer weitgehenden Umstellung auf OER billiger wegkäme oder nicht. Die Wette wäre allerdings unfair. Denn das, was – hier mag es von Fach zu Fach Unterschiede geben – etwa in einem ordinären Lehrwerk enthalten ist, als OER anzubieten, wäre schlicht unbezahlbar. Das liegt nicht nur daran, dass Verlage erst nach längerem Abverkauf einer Lehrwerksfamilie anfangen, Geld zu verdienen. Es liegt auch nicht nur daran, dass ein Vielfaches der heu-te für Bildungsmedien pro Schüler und Jahr ausgegebenen ca. 48 Euro in technische Infrastruktur investiert werden müsste, um überhaupt in den Genuss der wirklichen Vorteile von OER zu kommen (unlimitierter Umgang mit Digitalisaten, unbegrenzte Auslieferung an die Geräte der Schüler und Kollegen etc.). Der Grund für die hohen Kosten liegt auch darin, dass man Autoren, Illustratoren und Drittrechte-inhaber (Inhaber von Rechten an Bildern, Texten, Musik usw.) dafür vergüten müsste, dass sie ihre Rechte an ihren Werken faktisch aufgäben. Zu dieser an anderer Stelle umstrittenen Pauschalabgeltung für jede denkbare zukünftige Ver-wertungsform wären Autoren und Illustratoren von Bildungsmedien vielleicht noch zu überreden. Viel Geld hilft hier. Das allerdings nicht bei Drittrechteinhabern. Ein Bild, einen Text, eine Audiodatei, ein Video etc. für den Einsatz im Unterricht unter freie Lizenz zu stellen, bedeutete faktisch, so mein Verdacht, den Inhalt generell für die Welt freizugeben. Das Internet endet nicht an den Mauern des Schulgebäudes. Und selbst wenn man an einen Fair Use in der Schule glaubte, der wenig Effekt auf die übrigen Märkte und Geschäfte hat: Solange man Drittrechteinhaber, seien es Künstler wie Bushido oder Gerhard Richter, seien es Erbengemeinschaften von Verstorbenen, nicht enteignet, wird man deren Zustimmung für die Aufnahme von Inhalten in OER nicht erhalten und entsprechend auf diese Inhalte verzichten müssen.

Womöglich wird sich die Bildungswelt aber ganz anders entwickeln, als sie in der aktuellen Debatte vorausgesetzt wird: Wer dieses Jahr auf der Technologiemesse BETT in London war, dürfte davon einen Vorgeschmack bekommen haben. Wo Technologie in der Breite in die Schule einzieht, lässt die Vernetzung von komple-xen Systemen nicht lange auf sich warten. An Learning-Management-Systeme (LMS) wie Fronter, It’s Learning, Moodle oder Webweaver schließen sich Digital-Teaching-Plattform-Systeme (DTPs) wie von Time-to-Know an, die kleinschrittig das Unterrichtsgeschehen via Whiteboard, Lehrer-PC und Schülertablet vorstruktu-rieren, steuern, messen und analysieren. Hier ist Leistungskontrolle kein Sonderer-eignis mehr, sondern laufender Prozess. Hier können Schulleiter, Schulbehörde und sogar Eltern in Realtime mitverfolgen, wie sich die Performance einer Klasse, einer speziell geförderten Gruppe, eines einzelnen Kindes sowohl vormittags in der Schule als auch nachmittags zu Hause entwickelt. Hier kann der Lehrer/die Lehrerin aus Systemen laufend Anregungen für die Differenzierung seines Unterrichts ziehen. Hier bietet Software Möglichkeiten der Kollaboration unter Schülern und Lehrern, die auch an Bildungsinhalte ungesehene Anforderungen stellt. Es mag sein, dass sich derlei in Deutschland so schnell nicht durchsetzen wird; aber wo dies geschieht, lösen sich Inhalte in mächtigen Software-as-a-Service-Systemen auf. Wer sich die wie Pilze aus dem Boden sprießenden Angebote auf der BETT ansieht, könnte meinen, Content wird Convenience. Welche Inhalte unter welcher Lizenz auch immer entwickelt werden, es werden die Anbieter dieser komplexen Systeme sein, die bestimmen, was wo wie in welcher Form Berücksichtigung findet. Und was sie für ihr komplexes System brauchen, werden sie notfalls selbst entwickeln lassen. Denn es sind nicht die Inhalte, die sie verkaufen.

Die Bedeutung von OER wird zunehmen, ganz gleich ob staatliche Gelder in großem Stil in ihre Entwicklung und Verbreitung gelenkt werden oder nicht. Das wird sich allein schon aus knapperen Mitteln und der Verbreitung von technologischer Infrastruktur in Schulen ergeben. Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schü-ler werden davon profitieren. Vermutlich wird das Beste aber ihre Koexistenz mit kommerziellen Angeboten von Bildungsunternehmen sein, die sich im Wettbewerb um die Gunst ihrer Kunden um gute und bezahlbare Lösungen bemühen und dafür um jeden einzelnen kämpfen müssen. Beide Seiten sind Referenz füreinander, wo es um Qualität, Praxistauglichkeit und Innovation geht, und das Resultat dieser Spannung ist vermutlich besser, als man es in einer Welt vorfände, in der es nur das eine oder nur das andere gäbe. Zumindest solange beide in einem durch den Lehrer frei und flexibel gestalteten Unterricht ihre Rolle spielen dürfen.


David Klett arbeitet als Unternehmensentwickler für die Lehrerfachinformationsverlage der Klett-Gruppe. Dieser Text spiegelt seine private Meinung und nicht die Ansichten seines Arbeitgebers wider.


Weitere Informationen zur Initiative "Lernen in der digitalen Gesellschaft – offen, vernetzt, integrativ".


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