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Unterscheiden sich digitale Innovationen von traditionellen Innovationen und könnten sie von einer speziellen Förderung profitieren?

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Abschlussberichte > Abschlussbericht 6. Initiative > Unterscheiden sich digitale Innovationen von traditionellen Innovationen und könnten sie von einer speziellen Förderung profitieren?

Georg Rehm

Digitale Innovationen haben zahlreiche unterschiedliche Facetten. Dieser Beitrag konzentriert sich zunächst auf Fördermöglichkeiten für Innovationen im Allgemeinen und stellt Defizite dar, die sich gerade auf digitale Innovationen negativ auswirken. Im Anschluss werden die spezifischen Merkmale digitaler Innovationen und Bedarfe digitaler InnovatorInnen herausgearbeitet und mit Analysen zur Innovationskraft Deutschlands kontrastiert. Abschließend werden Handlungsempfehlungen an die Politik formuliert, mit denen das Ziel verbunden ist, die Innovationskraft des digitalen Sektors zu stärken.

Inhaltsverzeichnis

Traditionelle Förderprogramme für digitale Innovationen?

Öffentliche Gelder zur Förderung von Innovationen stehen z. B. über die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und verschiedene Bundes- (BMBF, BMWi) sowie Landesministerien zur Verfügung. In der Regel werden spezifische Programme angeboten, z. B. das „Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand“ (ZIM) und „KMU-innovativ“ oder auch Programme zur gezielten Förderung eines Sektors, der auf Bundes- oder Landesebene eine wichtige Rolle spielt.[1]Die DFG fördert Grundlagenforschung und richtet sich an Universitäten und Hochschulen. BMBF und BMWi fördern eher Projekte von Unternehmen und privaten oder öffentlichen Forschungszentren, die sich mit angewandter Forschung und dem Transfer von Ergebnissen auf den Markt beschäftigen; aus Unternehmen und Forschungszentren bestehende Projektkonsortien arbeiten oft gemeinsam, um Innovationen aus der Forschung (siehe auch: Welchen Einfluss haben die Wissenschaften auf die Entstehung von Innovationen?) in vermarktbare Technologien und Produkte zu überführen. Daneben kann man sich mit Projektvorschlägen auf Ausschreibungen der Europäischen Kommission bewerben.

Innovation im digitalen Ökosystem
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Alle genannten FördergeberInnen benutzen Bewerbungsverfahren: Firmen sichten die Ausschreibungen, erstellen Projektanträge, reichen diese fristgerecht ein und erhalten zu einem späteren Zeitpunkt den Bescheid über ihre Anträge. Dieses Verfahren kann zwischen ca. drei bis sechs Monaten (bei Programmen wie ZIM oder KMU-innovativ) und 18 Monaten (bei EU-Anträgen) dauern. Die Beantragung kann einfach sein (ZIM) oder hochgradig spezialisiertes Insider-Wissen, stabile persönliche Kontakte und Anträge von mehreren Hundert Seiten Länge voraussetzen (EU). Der Detailgrad der Anträge ist dafür verantwortlich, dass Förderprojekte in der Regel unflexibel sind, was z. B. Abweichungen vom ursprünglichen Plan betrifft. Förderprogramme wie ZIM oder KMU-innovativ wurden vor einigen Jahren eigens ins Leben gerufen, um den komplizierten und langwierigen Prozess der Beantragung von Fördergeldern zu verkürzen und zu vereinfachen. Eigenen Angaben zufolge werden diese Ziele erfüllt, so dass etwa die durchschnittliche Zeit zwischen Antragstellung und Ausstellung des Förderbescheides tatsächlich verkürzt worden ist.[2] EU-Projekte dienen eher der angewandten Forschung und Stärkung Europa-weiter Ziele der EU und ihrer zahlreichen Policys. Diese besitzen eine Vorlaufzeit von mehreren Jahren. Entsprechend etabliert sind in der Regel die Themen, die im Rahmen von EU-Ausschreibungen als förderwürdig eingestuft werden, so dass sehr innovative, radikale und risikoreiche Ideen auf der EU-Ebene typischerweise chancenlos sind. Verschiedene Studien und Umfragen haben gezeigt, dass die EU-Förderung als zu komplex, zu unflexibel und zu aufwendig eingeschätzt wird, weshalb die Prozeduren im nächsten großen Förderprogramm „Horizon 2020“ (Laufzeit: 2014–2020; Budget: ca. 80 Mrd. Euro) vereinfacht werden sollen. Abgesehen von der DFG, die sich der Grundlagenforschung widmet, bietet kein_e FördererIn eine Förderquote von 100 %. Bei einem eingeworbenen Projekt wird zwar ein Großteil der Personalkosten vom Förderer oder der Förderin übernommen, es wird allerdings nicht vollständig finanziert. Die fehlenden 50 %, 25 % oder 10 % muss das Unternehmen selbst aufbringen. Dabei ist penibel nachzuweisen, dass das Unternehmen die entsprechenden „matching funds“, d. h. Mittel zur Gegenfinanzierung, tatsächlich besitzt. Innovative Teams, die noch nicht als Unternehmen aufgestellt sind, besitzen diese Möglichkeit zur Gegenfinanzierung in der Regel nicht. Dazu später mehr. Neben der Beantragung öffentlicher Gelder haben InnovatorInnen die Möglichkeit, sich um private Gelder zu bemühen. Diese Möglichkeit wird oft in Anspruch genommen, wenn es darum geht, neue Technologien zur Marktreife zu bringen. Hierzu zählen Kredite oder Finanzierungsprogramme durch Banken, aber auch private InvestorInnen, Business Angels, Inkubatoren oder spezielle Start-up-Programme.[3]Zwingend vorausgesetzt werden in der Regel klare Ziele und Geschäftsmodelle, zumindest aber gute Aussichten auf die Entwicklung belastbarer Geschäftsmodelle. Risikokapital wird typischerweise nur nach einer intensiven technischen und wirtschaftlichen Prüfung des Vorhabens, der vorhandenen Technologien und des Teams vergeben.[4]

Facetten und Bedarfe digitaler Innovationen

Diesen Instrumenten zur Förderung von Innovationen stehen die spezifischen Bedürfnisse und Merkmale digitaler Innovationen gegenüber. Im direkten und extremen Vergleich zu mechanischen oder (groß-)industriellen Innovationen sind digitale Innovationen eher schnell und verhältnismäßig unkompliziert umzusetzen. Die Risiken sind überschaubar und stehen gerade bei kommerziell ausgerichteten Innovationen oft damit im Zusammenhang, Erste_r zu sein und eine überzeugende Idee zu präsentieren.[5]Diese grobe Charakterisierung bezieht sich insbesondere auf die Bereiche Social Media, Social Networking, Mash-ups und die innovative Kombination von Diensten oder Webservices. Die Entwicklung fortgeschrittener Algorithmen, die z. B. bessere Laufzeiten besitzen, oder neuartiger Datenbankmodelle, die eine höhere Performanz oder neue Datenzugriffsverfahren erlauben, ist natürlich sehr viel aufwendiger, langsamer, risikoreicher, investitionsintensiver und stärker mit Grundlagenforschung verbunden.[6]Diese Beispiele verdeutlichen die Bandbreite digitaler Innovationen und deuten an, dass NutzerInnen die mit sehr viel Aufwand und Forschung verbundenen Innovationen in der Regel nicht direkt als solche wahrnehmen, da sie ihr Werk hinter den Kulissen verrichten.

Die Schnelligkeit einer digitalen Innovation bezieht sich nicht nur auf die Geschwindigkeit, mit der sie umgesetzt werden kann, sondern auch auf die Geschwindigkeit, mit der sie gegebenenfalls von den NutzerInnen wahrgenommen, angenommen und weiterverbreitet wird, z. B. mittels viraler Effekte.[7] Digitalen Innovationen ist oftmals eine gesellschaftliche oder soziale Komponente inhärent. Sie können bereits nach kürzester Zeit Auswirkungen auf Millionen von Menschen besitzen, seien es z. B. neue GUI-Paradigmen oder neue soziale Netzwerke (siehe Twitter und seine Rolle beim arabischen Frühling).[8] Naturgemäß sind digitale Innovationen aber auch flüchtig und vage. Sollte eine gute Idee nicht fruchten, gerät sie schnell wieder in Vergessenheit. Erfolgreiche Ideen und Innovationen sind schwieriger schützbar und leichter kopierbar, was sich an den „copy cats“ zeigt, die Design und Funktionen erfolgreicher Websites kopieren, mit neuem Logo und neuer Marke versehen und auf Märkten starten, auf denen das Original noch nicht vertreten war. Viele, aber selbstverständlich nicht alle digitalen InnovatorInnen sind Menschen zwischen etwa 20 und 35 Jahren mit IT-Hintergrund. Ausgehend von einer vagen Idee geht es ihnen darum, die Innovation schnell und agil umzusetzen, schließlich umspannt das digitale Ökosystem den gesamten Planeten und ist, jedenfalls prinzipiell, kultur-, länder- und sprachenunabhängig, so dass die Umsetzung ein Wettrennen gegen einen unsichtbare GegnerInnen darstellt, die zur gleichen Zeit an der gleichen Idee tüftelt. Nach der initialen Umsetzung folgen Iterationen, um die Innovation zu schärfen und z. B. auf die spezifischen Bedürfnisse der Nutzer abzustimmen und dabei auch andere neu entstandene Innovationen zu berücksichtigen.

Die technischen Rahmenbedingungen für digitale Innovationen sind klar abgesteckt: Es wird eine Infrastruktur sowie Expertise in verschiedenen Bereichen benötigt. Neben einer Internetanbindung und einem Server (oder ganzen Serverfarmen) sowie einer Website, die oftmals das Zentrum der digitalen Innovation bildet, werden häufig auch spezielle Geräte benötigt, z. B. Compile-Server, hochverfügbare Datenbank- oder Compute-Cluster, um etwa aufwendige Berechnungen auf Daten durchführen zu können, oder auch Eyetracker für Benutzerstudien. Je schneller die Hardware, desto häufiger können Entwicklungszyklen durchlaufen werden, desto schneller die Umsetzung der Innovation. Zur Umsetzung einer digitalen Innovation werden Softwareentwickler benötigt, gegebenenfalls mit Spezialkenntnissen (z. B. Backend vs. Web-Interface vs. mobile Anwendung). Für rechenintensive Arbeiten, z. B. spezielle parallele Algorithmen oder map/reduce-Verfahren, werden wissenschafts- und forschungsnah arbeitende EntwicklerInnen gebraucht. Designer gestalten in Verbindung mit User-Experience-ExpertInnen die Benutzeroberflächen. AdministratorInnen warten die Server. VermarkterInnen und Business Developer helfen bei der Findung von Geschäftsmodellen und der PR-Arbeit.

Blicken wir auf die Hardwareseite, so befinden wir uns einerseits im ebenfalls überschaubaren Ökosystem der Mobiltelefonhüllen, Aufstecklinsen für Telefonkameras und verschiedensten weiteren Accessoires, andererseits existiert der Trend, Geräte und beliebige Gegenstände ins Internet zu bringen (Internet of Things). Hierbei handelt es sich nicht nur um naheliegende Geräte wie Fernseher und Spielekonsolen, sondern z. B. auch um Radios, Waagen, Kühlschränke, Mikrowellengeräte und Autos. Für diese Geräte werden oftmals Webschnittstellen und mobile Anwendungen implementiert; über APIs werden die Dienste und gespeicherten Daten anderen Anwendungen zur Verfügung gestellt, wodurch wiederum neue Innovationen gefördert werden. Das Spektrum an Geräten, die in Zukunft mit dem Internet verbunden sein werden, wird immer größer, aber die Art und Weise, wie diese Verbindung etabliert werden wird, ist klar umrissen und eindeutig definiert (Bluetooth, WLAN, UMTS etc.).

Rechtliche Aspekte stellen ein immer wiederkehrendes Thema bei digitalen Innovationen dar, wobei eine große Bandbreite an potentiellen Problemen existiert. Neben dem Umgang mit Patenten sind Lizenzprobleme auf verschiedenen Ebenen zu nennen: Falls in einem Teil der Innovation etwa eine online frei erhältliche Programmbibliothek mit einer speziellen Open-Source-Lizenz verwendet worden ist, müssen alle Quellen ebenfalls unter dieser Lizenz veröffentlicht werden. Die zahlreichen etablierten Open-Source-Lizenzen unterscheiden sich teils drastisch in ihren subtilen rechtlichen Implikationen. Wenn nicht genau auf die jeweiligen Beschränkungen und Konsequenzen geachtet wird, kann eine ungeschickt gewählte Bibliothek das schnelle Aus bedeuten. Für die Formulierung und Interpretation der Nutzungsbedingungen von Webservices oder APIs wird in der Regel ebenfalls rechtliche Expertise benötigt, dies betrifft z. B. auch die Verwendung von Webdokumenten für Suchverfahren.

Zusammenfassung: Die Rahmenbedingungen zur Umsetzung einer digitalen Innovation können klar umrissen werden. Benötigt wird Expertise aus den Bereichen Softwareentwicklung und/oder Hardwaredesign, Grafik- und Webdesign sowie Systemadministration, in späteren Phasen kommen die Entwicklung von Geschäftsmodellen, Pressearbeit, Social Media Marketing etc. hinzu (siehe auch: Wer sind die AkteurInnen und welche Möglichkeiten und Verantwortung haben sie?). Die Zusammenstellung des richtigen Teams stellt einen entscheidenden Faktor für Erfolg oder Misserfolg dar. Neben der typischen Infrastruktur (Büros, Internetanbindung, Rechner etc.) werden gegebenenfalls spezielle Hardwaresysteme benötigt, z. B. Serverfarmen oder Compile-Cluster. Essentiell ist Unterstützung in rechtlichen Fragen, von Lizenzproblemen bis zur Gründung einer adäquaten juristischen Person, z. B. einer GmbH. Digitale Innovationen können oft schnell und ohne größeres Risiko umgesetzt und im besten Fall auch schnell angenommen und verbreitet werden. Sie können immense, möglicherweise globale Auswirkungen auf Kommunikation und Gesellschaft besitzen. Der Geschwindigkeit digitaler Innovationen steht die oft träge Förderkultur in Deutschland gegenüber. Zunächst sind Monate Arbeit in den Antrag zu investieren, nach vielen weiteren Monaten wird ein Bescheid ausgestellt. Es kann sich bewerben, wer über eine rechtliche Person verfügt, z. B. eine GmbH, und eine Gegenfinanzierung vorweisen kann, die wiederum eine gesicherte Grundfinanzierung und einen rudimentären Geschäftsplan und Umsätze voraussetzt. Diese Prämissen können bei digitalen InnovatorInnen nur im Einzelfall vorausgesetzt werden. Die typischen Förderprogramme sind auch deshalb nur bedingt adäquat, da die für digitale Innovationen benötigten Summen geringer sind als die typischen Projektbudgets von ZIM oder KMU-innovativ. Oft ist eine geringe fünf- bis maximal sechsstellige Summe ausreichend, um es einer_m digitalen InnovatorIn zu ermöglichen, eine Idee zu realisieren. Für Beträge dieser Größenordnung steht der Aufwand in keinem Verhältnis, so dass zur Förderung digitaler Innovationen schnellere und schlankere Prozesse benötigt werden. Die Förderkultur in Deutschland ist im Jahr 2012 zwar besser aufgestellt als noch vor 15 oder 20 Jahren, jedoch können Maßnahmen konzipiert werden, die für ein noch innovationsfreundlicheres Klima im digitalen Bereich und somit für mehr digitale Innovationen zu sorgen.

Digitale Innovationen: Deutschland im internationalen Vergleich

Es gibt mehrere Studien, die auf statistischen, wirtschaftlichen und demografischen Angaben beruhen und Hinweise auf den Innovationsgrad oder die Innovationskapazität verschiedener Länder liefern.[9]Typischerweise werden dabei Daten analysiert, die sich auf Gesellschaft (z. B. Anzahl privater Computer), Wissenschaft (z. B. Anzahl Forscher, Qualität der Hochschulen), Staat (z. B. jährliche Bildungs- und Forschungsausgaben), Bildung (z. B. PISA-Index) und Wirtschaft (z. B. eingesetztes Risikokapital, Anzahl Patentanmeldungen) beziehen. Diese Studien geben darüber Auskunft, ob ein Land von Innovationen geprägt und wie es im Vergleich zu anderen Ländern aufgestellt ist. Laut Innovationsindikator 2011 hat Deutschland seine Innovationsleistung in den vergangenen fünf Jahren deutlich verbessert und steht nun international auf Rang 4 (hinter der Schweiz, Singapur und Schweden).[10]Hierzu hätten insbesondere Investitionen der öffentlichen Hand in Wissenschaft und Forschung beigetragen. Als Stärke des deutschen Innovationssystems werden die Vernetzung der AkteurInnen und die sehr innovationsaktive Wirtschaft genannt. Der Studie zufolge liegen die größten Defizite im Bildungsbereich, weil zu wenige junge Menschen eine Hochschulqualifikation erreichen. Die staatlich gesetzten Rahmenbedingungen für Forschung und Innovation werden von der Studie besonders kritisiert und als „keineswegs mustergültig“ eingeschätzt. Deutschland biete im internationalen Vergleich wenig Unterstützung für Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten von Unternehmen. Im Global Innovation Index (GII) 2012 wird Deutschland auf Rang 15 von insgesamt 141 Ländern geführt (im Jahr 2011 belegte es noch Rang 12).[11] Auch im GII nehmen die Schweiz, Schweden und Singapur die ersten drei Plätze ein. Besonders gut wird Deutschland im Hinblick auf die Qualität der Regulierung bewertet (Rang 14), wobei allerdings das gesamte Gebiet der Regulierung kaum zufriedenstellend sei (Rang 33). Auch bei der Bildung besitzt Deutschland einen guten Rang 23, allerdings werde zu wenig in die Bildung investiert (Rang 61). Forschung und Entwicklung sind insgesamt gut aufgestellt (Rang 11), dies betrifft die ForscherInnen selbst (Rang 12), die investierten Mittel (Rang 8) und die Qualität der wissenschaftlichen Einrichtungen (Rang 10). Auch die Infrastruktur steht gut da (Rang 16), dies gilt auch für die Informations- und Kommunikationstechnologie (Rang 14). Der Markt selbst ist gut aufgestellt (Rang 24), Kreditlage (Rang 21) und Einsatz von Risikokapital sind zufriedenstellend (Rang 15). Die Online-Kreativität verdient gar Rang 9. Die schlechten Bewertungen Deutschlands sind größtenteils echte Überraschungen. So wird der Schutz von InvestorInnen negativ bewertet (Rang 76) und auch der Transfer von Ergebnissen und Innovationen aus der Wissenschaft in die Industrie ist im internationalen Vergleich eher mangelhaft (Rang 55), obwohl die meisten verwandten Indikatoren positiv eingeschätzt werden, z. B. der reine Output an Wissen und Technologie (Rang 12). Deutschland kann diesen Output allerdings nicht umsetzen: Der Impact des generierten Wissens wird nur mit Rang 40 bewertet. Die Einfachheit, mit der in Deutschland Unternehmen gegründet werden können, verdient international lediglich Rang 71. Das Innovation Union Scoreboard 2011 bezieht sich auf die Innovationsperformanz der EU27-Länder.[12]Hier befindet sich Deutschland auf Rang 3 (nach Schweden und Dänemark) und ist Teil der Gruppe der Innovationsführer. Daneben gibt es die Gruppen der „Innovation followers“ (angeführt von Belgien), „Moderate innovators“ (angeführt von Italien) und „Modest innovators“ (angeführt von Rumänien). Die Studie unterscheidet verschiedene Dimensionen, die im Folgenden mit den Platzierungen Deutschlands aufgeführt werden: „Innovators“ (Rang 1), „Economic effects“ (Rang 1), „Intellectual assets“ (Rang 3), „Firm investments“ (Rang 4), „Finance and support“ (Rang 8), „Linkages & entrepreneurship“ (Rang 9), „Open, excellent and attractive research systems“ (Rang 11), „Human resources“ (Rang 13). Deutschland wird von der Studie als Innovationsführer mit überdurchschnittlicher Performanz eingeschätzt. Die Stärken des Landes liegen in seinen „intellectual assets“ und seinen InnovatorInnen. Schwächen existieren in den Bereichen „Human resources“, „Open, excellent and attractive research systems“, „Finance and support“ und „Linkages & entrepreneurship”“ Diese Studien stellen abstrakte Metaauswertungen und Bewertungen separat durchgeführter statistischer Studien dar und sind sich zumindest in verschiedenen Tendenzen einig. Alle drei Studien bescheinigen Deutschland Defizite im Bereich Forschung und Bildung; u. a. solle Deutschland hier mehr investieren. Ebenfalls sollen mehr junge Menschen eine Hochschulqualifikation erreichen und im Anschluss ein Studium abschließen. Defizite werden diagnostiziert im Bereich des Transfers von Forschungsergebnissen in die Privatwirtschaft. Zwar besitzt Deutschland dem Innovation Union Scoreboard zufolge die besten Innovatoren Europas, aber Probleme existieren bei der Umsetzung von Innovationen als konkrete Produkte, bei der Umsetzung und Integration aktueller Forschungsergebnisse in diese Produkte und auch bei der Gründung von Unternehmen – ein Prozess, der eher als Bremse denn als Antrieb aufgefasst wird. Kritisiert werden die staatlich gesetzten Rahmenbedingungen für Forschung und Innovation, da es nur wenig Unterstützung für die Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten von Unternehmen gebe. Zudem wird Deutschland als nicht sonderlich innovativ wahrgenommen, was den Einsatz aktueller Informations- und Kommunikationstechnologien in öffentlichen Einrichtungen angeht.

Handlungsempfehlungen

Zusammenfassend geht es bei den nachfolgenden Handlungsempfehlungen um verschiedene Maßnahmen, in Deutschland für ein innovationsfreundlicheres Klima zu sorgen.[13]Speziell digitale Innovationen entstehen eher bottom-up als top-down, weshalb sie nicht als solche gesteuert werden können (siehe auch: Wie kann und sollte digitale Innovation gesteuert werden?). Es können aber Rahmenbedingungen geschaffen werden, die die Entstehung digitaler Innovationen begünstigen. An ebendieser Stelle müssen die Bundes- und Landesregierungen sowie die o. g. Förderstellen ansetzen – dieser Schritt erforderte ein klares Signal und Bekenntnis insbesondere von Bund und Ländern, den digitalen Sektor intensiver als zuvor zu unterstützen.[14]Gerade vor dem Hintergrund der in Europa derzeit einzigartigen Start-up-Szene in Berlin und ähnlicher Entwicklungen in Hamburg, Köln und München erscheint ein solcher Schritt überfällig.

Adäquate und effiziente Förderprogramme, Innovationsstipendien und Wettbewerbe

Zur Unterstützung digitaler Innovationen sind Förderprogramme aufzulegen, die bestmöglich an die spezifischen Gegebenheiten angepasst sind.[15]Da es hierbei typischerweise um eher kleinere Beträge geht und Zeit ein kritischer Faktor ist, sollten die Programme einfache und unkomplizierte Antragsverfahren besitzen, bei denen nur wenige Wochen zwischen Antragstellung und Begutachtung liegen. Der Antrag selbst sollte eine gewisse Maximallänge nicht überschreiten, um fokussierte Anträge zu gewährleisten, die ein agiles und iteratives Vorgehen unterstützen. Die Begutachtung selbst sollte durch kompetente, internetaffine Personen durchgeführt werden; dieser Prozess kann mittels einer kollaborativen Plattform auch an mehreren Standorten parallel stattfinden. Neben den GutachterInnen könnte auch die Öffentlichkeit befragt werden, welche Innovationen gefördert werden sollen. Eine Einschränkung aktueller Förderprogramme betrifft den Umstand, dass ein Projektantrag zwingend von einem Unternehmen gestellt werden muss. Um die Gegenfinanzierung für das nur teilweise durch Finanzmittel unterstützte Projekt zu gewährleisten, sind Umsätze nachzuweisen. Wünschenswert wäre der Wegfall dieser Einschränkung, um die Realisierung neuer, risikobehafteter Innovationen zu ermöglichen. Zu diesem Zweck könnte die Förderung z. B. mit einer Förderquote von 100 % erfolgen und einer Obergrenze unterliegen, z. B. 25.000 Euro, die nicht überschritten werden darf (Innovationsstipendien); auch könnten Modelle vorgesehen werden, die Darlehen, Beteiligungen, die Integration von „crowd funding“ oder Mischfinanzierungen beinhalten.[16]Sollte die durch ein Innovationsstipendium realisierte Idee auf dem Markt erfolgreich sein, müsste das Stipendium erstattet werden. Eine derart komfortable Unterstützung müsste einer genauen Kontrolle unterliegen, um Missbrauch vorzubeugen. Eine weitere Möglichkeit zur Unterstützung digitaler Innovationen könnten problemgetriebene Wettbewerbe sein. Ausgehend von gesellschaftlichen, politischen, technologischen oder sozialen Problemen könnte die Findung innovativer Lösungsansätze ausgeschrieben werden. Als Gewinne könnten Innovationsstipendien, Hardware, Software oder Workshops mit bekannten MentorInnen, Business Angels, Inkubatoren oder WissenschaftlerInnen fungieren. Die Definition der Rahmenbedingungen für Innovationsstipendien oder derartige Wettbewerbe setzt ein gutes und zeitgemäßes Innovationsmanagement auf Seiten der FördergeberInnen bzw. AusrichterInnen der Wettbewerbe voraus. Im besten Fall werden derartige Maßnahmen unter dem Dach eines nationalen (oder europäischen) Innovationssystems durchgeführt, das klar definierte Innovationsfelder und entsprechende Priorisierungen sowie Zielvorgaben umfasst.

Bildung, Forschung und Wissenstransfer stärken und an die Realität des digitalen Ökosystems anpassen

Das gesamte Bildungssystem ist zu stärken, sowohl die schulische als auch die universitäre Ausbildung sowie natürlich auch die universitäre und angewandte Forschung in entsprechenden Forschungszentren.[17] Es sollten mehr SchülerInnen zur Hochschulreife geführt und anschließend für ein Studium motiviert werden, wobei man Kinder schon in der Schule für Programmierkurse begeistern und dort auch schon die Basis für ihre Internetkompetenz legen kann.[18]Natürlich sind die Ausrichtungen und Inhalte aller Studiengänge, im vorliegenden Kontext jedoch insbesondere der internetbezogenen Studiengänge, konstant zu überprüfen und aktuell zu halten. Module, die Wissen über Geschäftsgründungen und -administration vermitteln, sollten in allen informatischen oder informatiknahen Studiengängen angeboten werden, ohne dabei jedoch ein MBA-Studium zu ersetzen. Um das Abwandern innovativer WissenschaftlerInnen ins Ausland zu verhindern, sind Gegenmaßnahmen zu entwickeln, z. B. Preise oder Innovationsstipendien. Die Studien zur Innovationskapazität stellen in Deutschland Defizite fest beim Transfer von Forschungsergebnissen in die Industrie. Zur Verbesserung der Situation sind Maßnahmen zu entwickeln, z. B. eine intensivere Anbindung von Hoch- und Fachhochschulen sowie Forschungszentren an Innovationsstipendien, -wettbewerbe und Mentorenprogramme.

Unternehmensgründungen vereinfachen und stärken: Aufbau einer digitalen Gründerkultur

Ist Deutschland ein Gründerland? In traditionellen Sektoren wie der Zulieferindustrie oder der Feinmechanik kann diese Frage uneingeschränkt mit einem Ja beantwortet werden. Im sehr breiten Bereich der digitalen Innovationen allerdings nicht. Im Vergleich zu anderen Regionen, etwa den USA oder Skandinavien, existiert in Deutschland keine digitale Gründerkultur. Man muss kein intimer Kenner/ keine intime Kennerin der Berliner Start-up-Szene sein, um zu sehen, dass die mit Abstand erfolgreichsten in Berlin agierenden Start-ups ihren Ursprung entweder nicht in Deutschland haben (z. B. das von zwei Schweden gegründete Soundcloud) oder zur großen Gruppe der per definitionem nicht durch ihren Innovationsgrad glänzenden „copy cats“ gehören. Der Grund dafür dürfte u. a. in einem zu hohen Risiko liegen: Deutschland generiert sehr viele hervorragend ausgebildete InformatikerInnen in den verschiedensten Spezialdisziplinen, die im Rahmen von Studienprojekten oder Abschlussarbeiten viele digitale Innovationen konzipieren. Eine Unternehmensgründung ist aber mit einem sehr hohen Risiko verbunden, was den Aufwand und die zu investierende Zeit sowie natürlich die finanziellen Ressourcen angeht. Diese Hürden sind im Detail zu untersuchen und durch entsprechende Maßnahmen abzubauen.

Digitale Infrastruktur: eine deutsche oder europäische Innovationsplattform

Für viele digitale Innovationen spielt die technische Infrastruktur keine Rolle, benötigt wird neben der Idee selbst lediglich ein Rechner, um die Idee zu realisieren. Bestimmte digitale Innovationen erfordern jedoch mehr, z. B. eine besonders schnelle Entwicklungsmaschine, Serverfarmen zur Berechnung riesiger Datenmengen, redundante Datenbanksysteme für Lasttests oder ein Usability-Labor. Derartige Komponenten könnten zur Verfügung gestellt werden, um mehr digitale Innovationen zu ermöglichen. Dies kann etwa über ein öffentlich betriebenes Rechenzentrum (Cloud-Computing) geschehen, das ausschließlich zum Testen und Innovieren verwendet wird und in dem jeweils aktuelle Software, Services und Daten angeboten werden. Die Dienstleistungen eines solchen Innovationsrechenzentrums werden online über ein Innovationsportal angeboten, so dass räumliche Nähe keine Rolle spielt. Der eigentliche Clou eines solchen Portals besteht in der Einbeziehung von NutzerInnen: Das Portal dient nicht nur der Realisierung der Innovationen, sondern auch ihrem Anbieten und Testen mit NutzerInnen, so dass das Portal eine EntwicklerIn-/InnovatorInsicht und gleichzeitig eine NutzerInsicht besitzt. Je mehr attraktive Innovationen, d. h. digitale Services, Dienstleistungen, Produkte etc. über das Portal zur Verfügung gestellt werden, desto mehr NutzerInnen werden die Plattform verwenden und desto mehr Sichtbarkeit bekommt die Plattform selbst sowie die angebotenen Innovationen. Der für den Aufbau und die Implementierung eines solchen Rechenzentrums und Innovationsportals zu betreibende Aufwand wäre immens, so dass es mindestens auf der nationalen oder aber auf der europäischen Ebene realisiert werden sollte, z. B. im Kontext des EU/EC-Programms „Connecting Europe Facility“ unter dem Dach der „Innovation Union“. Im besten Fall könnte sich eine Innovationsplattform zu einer Art europäischem App-Store bzw. Innovation-Store entwickeln, der als Marktplatz für digitale Innovationen aller Art fungiert. Essentiell für die Realisierung einer digitalen Innovation ist das richtige Team bestehend aus ProgrammiererInnen, DesignerInnen, TexterInnen, PR- und Social-Media-ExpertInnen etc. Über eine solche Innovationsplattform könnte dieser Prozess mittels digitalem „match making“ unterstützt werden. Zwar sind räumliche Nähe und Gespräche wichtig, aber viele Aspekte der Realisierung einer Innovation können auch mittels digitaler Kommunikation umgesetzt werden. Dabei könnte die Plattform helfen, und zwar über Landes- und Staatsgrenzen hinweg. Digitale Innovatoren benötigen oft in den verschiedensten Bereichen eine kompetente Rechtsberatung. Auch hier könnte die Innovationsplattform helfen, Kontakte zu ExpertInnen für Urheberschutz, Open-Source- und Creative-Commons-Lizenzen, Patentrecht, Rechtsspezifika auf nationaler oder europäischer Ebene etc. zu vermitteln. Eine gewisse Basisunterstützung sollte dabei kostenfrei sein.

Analoge Infrastruktur: Co-Working-Spaces, Innovationscamps, Mentorenprogramme

Viele digitale Innovationen entstehen im Team und in Gesprächen mit Außenstehenden. Um derartige Diskussionen zu unterstützen, sind Co-Working-Spaces zu fördern, damit InnovatorInnen, EntwicklerInnen, KonzepterInnen, DesignerInnen, User-Experience-GestalterInnen, PR- und MarketingexpertInnen versammelt werden und die Bildung von Teams möglicht wird. Vielen ExpertInnen aus diesen Bereichen liegt nicht mehr an einer jahrelangen Festanstellung. Stattdessen ist es der Reiz an der Arbeit in immer neuen Projekten, an Ansätzen, Ideen, Kontakten und Herausforderungen, weshalb immer mehr ExpertInnen als FreiberuflerInnen tätig sind. Zu ihrer Unterstützung könnten neuartige Co-Working-Spaces entwickelt und speziell auf digitale Innovationen zugeschnitten werden. Flankierend könnten nach dem Vorbild der Barcamps Innovationscamps veranstaltet werden, um InnovatorInnen, EntwicklerInnen, WissenschaftlerInnen, DesignerInnen, MusikerInnen, Kreative etc. kollaborativ an gesellschaftlichen Fragestellungen arbeiten zu lassen. InnovationsmentorInnen könnten hierbei und auch außerhalb der Innovationscamps als SparringspartnerInnen für Ideen oder als Coaches helfen. In Frage kommen hierfür erfolgreiche InnovatorInnen oder GründerInnen, WissenschaftlerInnen, InvestorInnen, InkubatorInnen oder Business Developer.[19]

Die Politik benötigt digitale Glaubwürdigkeit

Die Bundesregierung sollte sich das Ziel setzen, Deutschland zum führenden Land im Bereich digitaler Innovationen auszubauen. Ein Teil der hierfür notwendigen Schritte wird oben skizziert. Ein essentieller Aspekt betrifft jedoch neben einem klaren und eindeutigen Bekenntnis seitens der Regierung auch die Art und Weise, wie die hiesige Politik auf Bundes- und Landesebene in Bezug auf das Internet und digitale Technologien agiert. InternetexpertInnen, JournalistInnen, BloggerInnen und Interessensverbände attestieren der Politik oftmals zu konservatives, nicht zeitgemäßes, unbeholfenes, bremsendes oder schlicht falsches Verhalten, z. B. hinsichtlich des von Ursula von der Leyen vorgeschlagenen Stoppschildes oder des Leistungsschutzrechts. Der Politik fehlt an dieser Stelle eine Gruppe von unabhängigen BeraterInnen, die als ExpertInnen konsultiert werden können. In Anlehnung an die Wirtschaftsweisen, könnte man diese Gruppe die „Internetweisen“ nennen. Unserer repräsentativen Forsa-Umfrage zufolge befürworten etwa zwei Drittel der Deutschen die Einrichtung einer solchen Expertengruppe. Deren Aufgabe wäre es, insbesondere die technischen Zusammenhänge zu erläutern und auf Sinn oder Unsinn bestimmter Vorschläge kompetent und schnell zu reagieren. Die Internetweisen könnten als erste AnsprechpartnerInnen für Ideen und auch als ImpulsgeberInnen fungieren, die grundlegende Probleme früh erkennen, ihnen gegebenenfalls gegensteuern oder eigene Vorschläge einbringen. Nur ein digital glaubwürdig agierender Staat kann digitale Innovationen glaubwürdig fördern. [20] Ein zeitgemäßes Agieren von Bund und Ländern kann auch aktiv erfolgen, indem z. B. öffentliche Daten vermehrt als Linked Open Data zur Verfügung gestellt und E-Government-Prozesse vorangetrieben werden, inklusive E-Participation und Beschaffungsprozessen.[21]Diesen Themen wird auf europäischer Ebene sehr viel Potential zugesprochen. Deutschland ist hier in der Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten; es hat erneut die Chance vertan, die Vorreiterrolle einzunehmen, die momentan das Vereinigte Königreich innehat. Die Innovationsstudien attestieren Deutschland in diesem Bereich ebenfalls Defizite. Sobald öffentliche Stellen und Verwaltungen ihre Daten in eine nationale oder europaweite Linked Open Data Cloud integrieren, werden auf Basis dieser Datenmengen neue Innovationen entstehen, die wiederum neue Arbeitsplätze generieren.

Fazit

Deutschland, d. h. Bund und Länder, sowie auch die EU müssen sich mehr als Treiber und Wegbereiter verstehen und für ein innovationsfreundlicheres Klima sorgen, das digitale Innovationen intensiver fördert. Verschiedene Handlungsempfehlungen werden in diesem Beitrag skizziert. Einzelne Komponenten dieser Handlungsempfehlungen sind, teilweise bereits seit Jahren, Realität und werden erfolgreich umgesetzt, allerdings nicht auf Initiative des Bundes, sondern auf Initiative von Unternehmen oder InvestorInnen, die versuchen, neue Innovationen, Geschäftsideen und MitarbeiterInnen zu identifizieren. Wünschenswert wäre eine agendafreie Unterstützung digitaler Innovationsarbeit durch Bund und Länder. Neben einem innovationsfreundlicheren Klima wird auch die Schaffung einer gründerfreundlicheren Umgebung empfohlen. In dieser Hinsicht existieren zahlreiche Hürden, an denen potentielle GründerInnen scheitern können, die eine aussichtsreiche digitale Innovation entwickelt haben. Oftmals ist es für potentielle Gründer auch schlicht und ergreifend einfacher, einen Weg einzuschlagen, der sicherer erscheint, mit weniger Wagnis verbunden ist und die monatliche Überweisung eines Gehalts garantiert. In den USA herrscht die Auffassung „Fail often, fail fast, fail cheap“. Scheitern wird als notwendiger Bestandteil auf dem Weg zum Erfolg betrachtet. In Deutschland gilt Scheitern hingegen noch immer als Stigma. Tobias Kollmann, Professor für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen kommt zu einem ähnlichen Schluss: Er diagnostiziert eine „niedrige Gründungsneigung und hohe Risikoaversion der Deutschen“, zudem fehlten spezifische Bildungsangebote für IKT-Unternehmensgründer.[22] Eine entscheidende Lücke seien innovative Formen der staatlichen Gründungsfinanzierung, außerdem wird die Entwicklung einer „Gründermetropole der IKT“ gefordert, damit Deutschland von einer „IKT-Hauptstadt“ profitieren könne. Kollmann kommt zu dem Schluss, dass es IKT-GründerInnen hierzulande noch am Selbstbewusstsein und den Rahmenbedingungen mangele, um innovativere Geschäftsmodelle zu etablieren und die internationale Szene zu prägen. Deutschland ist ein Land der Technologie. Den Slogan „Vorsprung durch Technik“ der Firma Audi kennt in Großbritannien jedes Kind. Deutschland ist auch ein Land der präzisen, gewissenhaft durchgeführten Arbeit. Besitzt Deutschland aber eine Innovations- und Gründerkultur? Werden Kinder und Jugendliche zum Experimentieren, Testen und Scheitern angeregt, um aus Fehlern zu lernen und es beim nächsten Mal besser zu machen und erfolgreicher zu sein? Der junge Mensch in Deutschland ist geprägt vom Elternhaus, von LehrerInnen und DozentInnen. Nicht nur die formalen Rahmenbedingungen, d. h. Förderprogramme und Bildungsstandard, müssen an die Zeit digitaler Innovationen angepasst werden, es muss auch gemeinsam daran gearbeitet werden, ein zeitgemäßes, innovationsfreundlicheres Klima zu schaffen und eine GründerInnenkultur zu etablieren. Diese sollte nicht von Angst geprägt sein, sondern von interessanten Ideen, die nicht nur die digitale, sondern auch die analoge Welt radikal verändern können.

  1. Oder auf europäischer Ebene, siehe den Aspekt „SMEs in Research and Innovation Programmes“ des Innovation Union Information and Intelligence System.
  2. Im Einzelfall kann es allerdings zu kuriosen Situationen kommen: Wenn ein ZIM-Bescheid mit sechs Monaten Verzögerung eintrifft und einen rückwirkenden Beginn gestattet, dann sollte dieser Verzug von einem halben Jahr bereits eingeplant sein, um eine partielle Neuplanung des Projekts zu vermeiden.
  3. Kleine Teams werben die Anschubfinanzierung gerne bei den drei F ein: Friends, Family, Fools.
  4. Siehe zum Beispiel: http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/start-ups-gute-chancen-fuer-junge-unternehmer-a-847698.html.
  5. Zum Vorteil des ersten Zugs siehe http://en.wikipedia.org/wiki/First-mover_advantage.
  6. Bis hin zu mehreren Jahren Entwicklungszeit z. B. für fortgeschrittene statistische Lernverfahren im Bereich maschinelle Übersetzung.
  7. Siehe umfassend dazu auch http://en.wikipedia.org/wiki/Diffusion_of_innovations.
  8. Anfang 2010 haben sowohl Microsoft als auch Google zur Unterstützung der Ersthelfer im Erdbebengebiet in Haiti in nur wenigen Tagen Systeme zur maschinellen Übersetzung zwischen Englisch und der lokalen Kreolsprache entwickelt.
  9. Diverse länderübergreifende Angaben speziell in Bezug auf das Web liefert der von der World Wide Web Foundation ins Leben gerufene, Anfang September 2012 vorgestellte interaktive Web Index “(Measuring the Web’s Global Impact)”.
  10. BDI, Deutsche Telekom Stiftung (2011): Innovationsindikator. Ein Vergleich der Innovationsfähigkeit in den wichtigsten Industrieländern.
  11. The Global Innovation Index 2012. Stronger Innovation Linkages for Global Growth. INSEA and WIPO.
  12. Innovation Union Scoreboard 2011. Research and Innovation Union Scoreboard. European Commission.
  13. Zahlreiche Maßnahmen werden seit 2010 auf der europäischen Ebene im Rahmen der „Innovation Union“ verfolgt.
  14. Vgl. dazu auch die Kritik von Alexander Görlach: „Die digitale Dampfmaschine“, 05. Oktober 2012, The European
  15. Siehe hierzu auch Betsy Masiello und Derek Slater (2012): „Embracing an Innovation Stimulus Package“.
  16. In den USA existiert seit April 2012 der JOBS Act. Dieses Gesetz wurde speziell zu dem Zweck ins Leben gerufen, das Einwerben von Startkapital z. B. durch Crowd-funding zu ermöglichen und den Prozess der Startphase junger Unternehmen deutlich zu vereinfachen. Siehe dazu http://www.huffingtonpost.com/2012/04/12/new-crowdfunding-law-help_n_1420708.html.
  17. Hierfür plädieren mit Nachdruck auch Betsy Masiello und Derek Slater (2012): „Embracing an Innovation Stimulus Package“. Ähnliche Ziele verfolgt die Innovation Union mit dem I3S, Innovation Union Information and Intelligence System: „Promoting excellence in education and skills development“ und „Delivering the European Research Area“, siehe http://i3s.ec.europa.eu/commitments.html sowie http://ec.europa.eu/research/innovation-union/index_en.cfm?pg=action-points&view=all.
  18. Beispielsweise nach dem Vorbild der englischen „Code Club“-Initiative.
  19. Siehe hierzu z. B. die innovations- und strukturfördernden Maßnahmen, die von den Regierungen in Chile und Argentinien umgesetzt werden: Alex Williams: „The Rise Of The TechnoLatinas: A Full-Fledged Startup Movement Emerges In South America“, 16. September 2012, Techcrunch
  20. An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass Deutschland im Gegensatz zu 14 anderen EU-Ländern noch keinen „Digital Champion“ ernannt. In einem ähnlichen Zusammenhang äußert sich Tobias Kollmann in einem Gastbeitrag im manager magazin dahingehend, dass Deutschland dringend einen politischen Ansprechpartner für das Thema IKT-Gründungen benötige.
  21. Dieser Vorschlag findet sich ebenfalls bei Betsy Masiello und Derek Slate (2012): „Embracing an Innovation Stimulus Package“.
  22. Hierzu Tobias Kollmann: „Deutschland ist digital abgehängt“, 16. September 2012, manager magazin online.
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