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Wie kann und sollte digitale Innovation gesteuert werden?

Wie kann und sollte digitale Innovation gesteuert werden?

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Abschlussberichte > Abschlussbericht 6. Initiative > Wie kann und sollte digitale Innovation gesteuert werden?

Max Senges

Innovation im digitalen Ökosystem
Inhaltsverzeichnis
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Der folgende Beitrag geht zunächst der Frage nach, wie eine Gesellschaft digitale Innovation beeinflussen kann. Im zweiten Teil gibt der Text erste Antworten auf die Fragen, wie man digitale Innovation steuern sollte bzw. welche konkreten Praktiken in welchen spezifischen Kontexten vernünftig erscheinen. Damit reiht sich der Text in folgenden Kontext ein: Die grundsätzliche philosophische Frage, was Innovation bedingt und nach welchen Kriterien Innovationen zu fördern, zu kontrollieren (einzuschränken) oder gar zu verhindern sind, wird im Beitrag „Gute Innovation? Böse Innovation?“ erörtert. Auch die detaillierte Analyse der AkteurInnengruppen ermöglicht ein tieferes Verständnis der hier nur angeschnittenen Beschreibung (siehe auch: Wer sind die AkteurInnen und welche Möglichkeiten und Verantwortung haben sie?).


A) Wie kann man digitale Innovation steuern?

In der Praxis werden verschiedenste Innovationssteuerungsmechanismen genutzt, und die Forschung beschäftigt sich laufend mit deren Optimierung. Nichtsdestotrotz entzieht sich eine genaue Steuerung, ebenso wie die Analyse der Zusammensetzung von erfolgreichen und fehlgeschlagenen Innovationen, der reproduzierbaren Wissenschaftlichkeit. Die EntrepreneurInnen und ErfinderInnen, die im Zentrum des Innovationsprozesses stehen, genau wie die sozioökonomische Umwelt aus Individuen, Rollen und Institutionen, sind immer einzigartig und an einen einzigartigen Zeitgeist gekoppelt. Dennoch versuchen wir im Folgenden eine Systematisierung und Operationalisierung der Innovationssteuerungsmöglichkeiten. Als eine Dimension der Steuerung kann der Geltungsbereich („Scope“) gesetzt werden, der bestimmt, inwieweit eine Maßnahme generisch auf alle Innovationen wirkt oder auf welches spezifische Thema bzw. welche Nische eine Maßnahme abzielt. Die zweite Dimension der Innovationssteuerung bezieht sich selbstverständlich auf die Beeinflussung der Rahmenbedingungen. Zwischen den Polen

  • Fördern, also Verstärken von Innovationsaktivitäten durch Vereinfachung und/oder Incentivierung, und
  • Verbieten in Form von moralisch-rechtlicher Tabuisierung bzw. gradueller Sanktionierung bis zum Verbot

gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen drastischen und erprobten rechtlichen Kontrollmechanismen und Beschränkungen (siehe: Recht & Innovation im digitalen Bereich – ein polydimensionales Verhältnis sowie Gute Innovation? Böse Innovation?).

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Eine speziell im Hinblick auf Innovationssteuerung im digitalen Ökosystem vielversprechende Betrachtungsweise ist die Aufteilung der Steuerungsmöglichkeiten im iterativen, aber dennoch zeitlichen Verlauf von der „Kreation“ der Innovation bis zu ihrer (relativ) flächendeckenden Verbreitung. Bei diesem als gemeinsamen Reifungsprozess beschreibbaren Ablauf nutzen wir die im Internetbereich historisch erfolgreiche Multistakeholder Governance (also die Steuerung von Prozessen durch konsensorientierte Deliberation unter Beteiligung aller Akteure) für die Einschätzung bezüglich des gesellschaftlichen Nutzens der Innovation sowie ihrer gesellschaftliche Handhabbarkeit.

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1. Forschung und Entwicklung

In erster Instanz ist es das Ehrgefühl der EntrepreneurInnen oder WissenschaftlerInnen, die die strategische Entscheidung für ein innovatives Ziel/Projekt trifft und damit die teleologische und humanistische Nützlichkeit der Innovation voraussetzt. Zur Sonderrolle akademischer Forschung: Sie hat in diesem Kontext die Aufgabe, Chancen und Risiken von Innovationen und Innovationsfeldern zu erkennen und zu beschreiben. So betreibt die EU beispielsweise eine ganze Reihe von Forschungsprojekten zum Internet der Dinge. Ziel der Projekte ist es primär, Erkenntnisse über den Nutzen und die Gefahren möglicher Anwendungen zu generieren, erst an zweiter Stelle geht es darum, konkrete Innovationen voranzutreiben. Aber zurück zum Fall von zivilgesellschaftlicher und wirtschaftlicher Innovation. Hier hat das EntwicklerInnenteam die Verantwortung, die Innovation basierend auf Tests laufend so anzupassen, dass negative Resultate festgestellt und weitestgehend verhindert werden. Von Beginn an sollten sich EntwicklerInnen von JuristInnen bezüglich möglicher rechtlicher Unsicherheiten beraten und ggf. entsprechend relevante Fragestellungen überprüfen lassen. Eine Methode, die sich speziell bei Innovation im digitalen Ökosystem bewährt hat, ist das so genannte Dogfooding (basierend auf dem Sprichwort „Eating your own dogfood“). Ausgehend von der Überlegung, dass man seine Produkte selbst am besten kennen und verstehen sollte, bieten viele EntwicklerInnen ihre Innovationen zunächst nur innerhalb des eigenen Hauses oder „inneren Umfelds“ (zum Beispiel bei Open-Source-Communities) an. In dieser Phase kann Dogfooding die Funktion eines nicht öffentlichen Betatests übernehmen, der den Vorteil hat, dass potentielle Fehler nicht öffentlich bekannt werden bzw. eine fehlerhafte Innovation nicht das Haus verlässt. Auch fundamentale Änderungen können (notfalls) angegangen werden.


2. Beta-Feldversuch

Mit der Betaversion wird eine Innovation zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt. Somit haben alle AkteurInnen (NutzerInnen, aber vor allem SicherheitsexpertInnen und z. B. Datenschutzbehörden) theoretisch die Möglichkeit, Chancen und Risiken aus ihrer Sicht auf die mediale und politische Agenda zu bringen. Praktisch entscheidet die Relevanz am Markt, also entweder die sehr schnell sehr hohe Anzahl an NutzerInnen (wie etwa bei Instagram) oder die Tatsache, dass die Betaversion ohnehin aus einem bekannten Umfeld stammt (Firma, Angel, VC), ob und wie umfangreich eine Betaversion geprüft wird. Da es für die Einführung von digitalen Innovationen andere und weniger „lebensgefährliche“ Gefahren und Kriterien gibt als z. B. bei Automobilen (wo es z. B. so etwas wie den TÜV gibt), beschreiben wir im Folgenden einen aus unserer Sicht vernünftigen Ansatz, da er die gesellschaftlichen Interessen sowohl hinsichtlich Sicherheit als auch hinsichtlich Fortschritt ausbalanciert. Vielversprechend erscheint es, Innovatoren anzubieten, eine definierte Betaphase in Form einer öffentlichen Test- und Deliberationsphase abzuhalten. In dieser können sich spezialisierte Institutionen und InteressensvertreterInnen ein Bild davon machen, wie sich eine Innovation auswirkt. Eine Institution wie das Internet Governance Forum (IGF) erlaubt dann allen AkteurInnen, ihre Perspektive vorzubringen, und man einigt sich darauf, ob und, wenn ja, von welchen ExpertInnen/Institutionen potentielle Förderungen oder Einschränkungen beschlossen und entwickelt werden sollen. Wichtig hierbei ist, dass der Prozess freiwillig ist und zu einer möglichst konsensualen Verbesserung der Innovation („rough consensus and running code“) sowie mittelfristig zu (ggf. zertifizierbaren) offenen Standards im Innovationsbereich führt. Bei der Steuerung geht es einerseits um die systemische Förderung von Innovation und andererseits um die Identifikation von explizit regulatorisch einzuschränkender oder gar zu verbietender Innovation. Speziell im letzteren Fall können Innovationen, deren Anwendung genuin neu und folglich von keinem Gesetz geregelt ist, ausschließlich post hoc – also nach dem Testen der Innovation – reguliert werden. Die EntrepreneurInnen hinter der Innovation hat also selbstverständlich nach wie vor das Recht, die Innovation nach seinem/ihrem Ermessen auf den Markt zu bringen. Es geht nicht darum, eine „Innovation with Permission“-Kultur zu etablieren. Es soll lediglich ein prototypischer Reifungsprozess beschrieben werden.


3. Gesellschaftliche Steuerung und Vermarktung

Sobald eine Innovation – z. B. Gesichtserkennung, Deep Paket Inspection, Digital Rights Management (DRM), fotografische Straßenansichten, selbstfahrende Autos – auf dem Markt ist, gelten die vier Steuerungskräfte, die Lawrence Lessig (1999, Code and other Laws of Cyberspace) für digitale Güter beschrieben hat:
1. Werte – wenn eine Innovation ein Mittel ist, die Werte vieler NutzerInnen – allen voran die Menschenrechte – zu realisieren bzw. sie erfahrbar zu machen, sollte man sie gesellschaftlich fördern. Sollte eine Innovation gegen die Menschenrechte und menschliche Grundwerte verstoßen, sind Kontrollmaßnahmen nötig.
2. Markt – die NutzerInnen entscheiden durch ihr Interesse und die Nachfrage nach einer Innovation, ob diese erfolgreich und damit steuerungsrelevant ist.
3. Softwarearchitekturen als Gesetz – im digitalen Raum ist der Softwarecode bzw. die Hardwarekonfiguration zu vergleichen mit der physischen Architektur von Gebäuden und Straßen etc. Sie ermöglichen oder verhindern z. B. durch das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein einer Funktionalität (z. B., um ein Online-Profil herunterzuladen), dass eine solche Operation durchgeführt werden kann.
4. Gesetze und Regulierung – neuartige digitale Anwendungen oder Dienste erfordern mitunter die zeitgemäße Anpassung bereits vorhandener Gesetze oder die Schaffung neuer Gesetze, und dies aus zweierlei Gründen: Einerseits können sie notwendig sein, um einen Entfaltungsraum für förderungswürdige Innovationen zu sichern. Andererseits sollen sie Innovationen, die die oben genannten Werte verletzen, Grenzen setzen oder gar verbieten. In diesem Zusammenhang beschreibt Lessig die Notwendigkeit gesetzgeberischer Intervention so:
„Governments should intervene, at a minimum, when private action has public consequences; when shortsighted actions threaten to cause long-term harm; when failure to intervene undermines significant constitutional values and important individual rights; and when a form of life emerges that may threaten values we believe to be fundamental.“
Auszug aus dem Conclusion-Kapitel von Code and Other Laws of Cyberspace.

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